ETH-Forscher «China kann uns beim Klimaschutz immer noch überholen»

Von Gil Bieler

5.12.2019

Die Erderwärmung ist ungebremst – und nun der Klimagipfel in Madrid. Werden sich die CO2-Sünder den Ergebnissen beugen? Tut die Schweiz genug? Wir fragen ETH-Professor Reto Knutti und die Klimajugend.

Nichts als schlechte Neuigkeiten gab es zuletzt im Kampf gegen die Klimaerwärmung: Der weltweite Ausstoss von Treibhausgasen nahm 2019 erneut zu, statt zu sinken. Das zeigt eine Analyse des Global Carbon Project.

Und: Machen wir weiter wie bisher, droht bis Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung um bis zu 3,9 Grad, warnt das UNO-Umweltprogramm Unep. Dabei sollten es dringlich 1,5 bis maximal zwei Grad sein – so lautet zumindest die Absicht im Pariser Klimaabkommen von 2015.

Aus wissenschaftlicher Sicht kämen diese Berichte nicht überraschend, sagt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. «Es tritt das ein, was die Forscher schon seit Jahrzehnten festhalten.» Nämlich: «Es reicht nicht, was wir tun, um die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Bei Weitem nicht.»

Michael Huber von der Schweizer Klimajugend findet es gar «leichtsinnig, wie die Politik mit der Klimaerwärmung umgeht.»



Der Handlungsbedarf bleibt also gross. Seit Montag verhandeln 197 Delegationen aus aller Welt in Madrid. Doch wie optimistisch darf man dem 25. UNO-Klimagipfel überhaupt entgegenblicken?

Alles blickt auf 2020

Der grosse Wurf sei nicht zu erwarten, sagt Knutti. «Das sparen sich die einzelnen Nationen für 2020 auf, wenn sie ihre konkreten Ziele für die nächsten Jahre offenlegen müssen.»

Dennoch werde in Madrid wichtige Hintergrundarbeit geleistet: Die Delegationen müssten sich etwa auf ein Regelwerk einigen, wie man die Treibhausgas-Einsparungen überhaupt messen und miteinander vergleichen könne. Ein Gipfel in diesen Dimensionen macht somit durchaus Sinn.

Reto Knutti ...
Bild: Keystone

... ist Professor für Klimaphysik am Departement für Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich. 

Die Herausforderung sei jedoch, dass das Pariser Abkommen auf Freiwilligkeit basiere. Am Ende ist es jedem Land selber überlassen, zu handeln.

Die Schweiz will ihren CO2-Ausstoss bis 2050 netto auf null senken. Für die Klimajugend geht das zu langsam: «Wir fordern, dass die Schweiz schon bis 2030 im Inland netto null Treibhausgasemissionen verursacht – ohne Einplanung von Kompensationstechnologien», sagt Huber.

Dagegen sieht ETH-Professor Knutti im bundesrätlichen Zeitplan bis 2050 einen vernünftigen Vorsatz. «Wenn die ganze Welt das erreichen würde, hätten wir eine realistische Chance, die Erwärmung bei unter zwei Grad zu halten.»

Trump stellt sich quer

Jedoch wollen sich genau die beiden grössten CO2-Sünder – die USA und China – nicht auf verbindliche Vorgaben einlassen. US-Präsident Donald Trump hat sogar den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen beschlossen.

Hier lohnt es sich jedoch, etwas differenzierter hinzusehen: Knutti zufolge haben etwa 24 der 50 US-Bundesstaaten, die zusammen 55 Prozent der Bevölkerung stellen würden, sich bereits von sich aus zum Pariser Abkommen bekannt. Dass Trump dem Abkommen den Rücken kehre, habe zudem nicht zum befürchteten Absprung anderer Länder geführt.

Und auch in China tue sich etwas: Kein anderes Land investiere so viel in erneuerbare Energien. Das Wirtschaftswachstum sei aber so gross, dass sich der Energiehunger nur mit dem gleichzeitigen Ausbau von Kohle und Gas stillen lasse.

Was Knutti zudem zuversichtlich stimmt: «Wenn China etwas umsetzen will, dann geht das schnell. Das Land kann uns also noch immer überholen, wenn es will.»

«Es ist egal, wo CO2 kompensiert wird»

Wie die Schweiz ihr Klimaziel erreichen will, ist noch nicht klar. Jedoch liess sich der Bundesrat die Option offen, im Ausland CO2-Emissionen zu kompensieren. Wie sieht der Klimaforscher das?

Nicht per se schlecht: «Für das Klima ist es egal, wo genau CO2 eingespart wird.» Und ökonomisch könne es auch sinnvoll sein, dort anzusetzen, wo das am günstigsten möglich ist.

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Ein Beispiel: Einen alten Ofen in China zu ersetzen, sei kurzfristig günstiger, als bei einer Anlage in einem bereits hochentwickelten Land noch eine Steigerung von einem Prozent herauszuholen.

Doch gelte auch: Wenn das Ziel sei, bis 2050 weltweit Klimaneutralität zu erreichen, dann könne man spätestens dann nicht mehr auf Auslandkompensationen ausweichen. Daher müsse der Fokus so oder so auf Massnahmen im Inland liegen. Und hier müsste die Schweiz überall ansetzen, da sind sich ETH-Forscher und Klimajugend einig: vom Verkehr über den Gebäudesektor und die Ernährung bis hin zur Industrie.

Finanzbranche in die Pflicht nehmen

Michael Huber findet, die Schweiz müsse auch die Finanzbranche zur Verantwortung ziehen. Denn dieser verursache mit seinen weltweiten Kapitalanlagen in fossile Energien ein Vielfaches dessen, was alle Schweizer Haushalte und Unternehmen ausstiessen: Der Vertreter der Klimajugend spricht von 1'100 Millionen Tonnen CO2 gegenüber 50 Millionen Tonnen pro Jahr.

Knutti findet diese Forderung ebenfalls begrüssenswert. «Das wäre ein Hebel, um auch über die Landesgrenzen hinaus etwas zu bewirken.»



All dies entschlossen in Angriff zu nehmen, dafür sei es nun höchste Zeit, sagt Knutti – der Klimawandel mit Folgen wie schmelzenden Gletschern und steigenden Meeresspiegeln sei schon da. Die Frage sei nur noch, ob die Erwärmung zwei oder vier Grad betragen werde. Nach all den Klimademos in diesem Jahr und dem Erstarken der Grünen bei den Wahlen sei er überzeugt, dass das Bewusstsein dafür, was auf dem Spiel stehe, so gross wie noch nie sei.

Zumindest die Klimajugend hat nicht vor, lockerzulassen, wie Michael Huber klarstellt. Gerade weil die Politik zu zögerlich handle, sei es wichtig, «dass die Klimademos weitergehen und die Bevölkerung aufgerüttelt wird».

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