Räumung von Munitionslager Einige Bewohner können vielleicht in Mitholz bleiben

sr, sda

24.9.2021 - 07:41

Die unsichtbare Gefahr im Felsen: In Mitholz BE befindet sich ein in den 1940er-Jahren eingestürztes Munitionslager der Armee. (Archiv)
Die unsichtbare Gefahr im Felsen: In Mitholz BE befindet sich ein in den 1940er-Jahren eingestürztes Munitionslager der Armee. (Archiv)
Bild: Keystone

In Mitholz will der Bund im kommenden Jahr mit ersten baulichen Massnahmen die Räumung des Armee-Munitionslagers vorbereiten, das 1947 teilweise detonierte. Noch in diesem Monat startet er ein militärisches Baubewilligungsverfahren.

24.9.2021 - 07:41

Die Räumungsarbeiten im einstigen Armee-Munitionslager in Mitholz BE sollen im kommenden Jahr beginnen. Am Donnerstagabend hat das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) in Mitholz die Bevölkerung informiert. Wie es zuvor in Bern vor den Medien bekannt gegeben hatte, sollen die Massnahmen generell das Explosionsrisiko senken und die Haupträumung vorbereiten.

Bis Mitte 2022 soll geklärt sein, wer Mitholz sicher verlassen und wer bleiben kann. Wer sehr nahe am explosiven Schutt wohnt, müsse sicher weg, hiess es laut SRF am Informationsanlass. In einem entfernteren Bereich könnte Wohnen erlaubt bleiben. Wie gross diese Zone ist, sei aber noch nicht klar, und auch hier sind temporäre Evakuierungen denkbar.



Sichtbarster Teil der Arbeiten wird sein, dass vor dem felsigen Hügel, in dem sich das frühere Munitionslager befindet, Wald gerodet wird. Das ist die Voraussetzung dafür, dass ab Mitte 2024 der 1947 entstandene Schuttkegel und der vorderste Teil der Felskuppe beseitigt werden kann.

Schutt und Fels müssen weg, weil sich unter ihnen der Bahnstollen befindet, in dem bis 1947 Munition ins Lager gebracht wurde. Das VBS will diesen verschütteten Stollen aus geologischen Gründen und aus Gründen der Arbeitssicherheit freilegen.

Hochdrucktor und Hochdruckpfropfen

Im Innern der Anlage will das VBS ein Hochdrucktor und einen Hochdruckpfropfen einbauen. Diese sollen verhindern, dass bei einer Explosion der Druck nach aussen entweicht und wie 1947 Tod und Verwüstung verbreitet.

Das VBS geht davon aus, dass sich der Druck weitgehend im Innern abbauen kann, wenn in der Anlage beispielsweise Trennwände und andere Elemente ausgebaut werden. Auch für diese Arbeiten ersucht das VBS mit dem Gesuch um Bewilligung.

Ein Dorf wird geräumt – «hoffentlich darf ich vorher sterben»

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Ein ganzes Dorf muss geräumt werden, weil das ehemalige Munitionslager Mitholz laut Bundesrat noch immer gefährlich ist. Vor rund 70 Jahren haben neun Menschen ihr Leben verloren. Gemeindepräsident Roman Lanz im «blue News»-Interview.

07.12.2020

Weiter will das VBS im Bahnstollen nicht explodierte Munition mit einer Art Schutzkissen vor allenfalls herunterfallenden Felsblöcken schützen. Zudem werden Hohlräume im Fels mit losem Füllmaterial temporär verfüllt.

Ab Anfang 2022 will das VBS mit den Rodungen beginnen und zwischen Anfang 2022 und 2024 mit den anderen Arbeiten. Das militärische Baubewilligungsverfahren ist laut VBS vergleichbar mit einem zivilen Verfahren. Die Pläne werden öffentlich aufgelegt.

Evakuierungsperimeter bald bekannt

Neun Menschen starben, als Teile der Anlage vor bald 75 Jahren in die Luft flogen. 2018 kamen Experten zum Schluss, die vom Lager ausgehende Gefahr sei grösser als zuvor angenommen. Ende 2020 beschloss der Bundesrat, das Lager zu räumen. Die eigentlichen Räumungsarbeiten beginnen ab 2030.

Während rund zehn Jahren müssen die Bewohnerinnen und Bewohner von Mitholz ab 2030 ihre Häuser aus Sicherheitsgründen verlassen. Erste Mitholzer werden aber bereits ab 2025 gehen müssen, wie seit Längerem bekannt ist. Dies, weil ab 2026 die Nationalstrasse und die Bahnlinie in Richtung Wallis besser geschützt werden sollen.



Im zweiten Quartal des kommenden Jahres werden die Mitholzerinnen und Mitholzer definitiv erfahren, ob ihre Gebäude zu jener Zone gehören, in welcher die Evakuation zwingend ist: Dann startet ein Mitwirkungsverfahren zum Sachplan-Objektblatt Mitholz. Der Bundesrat wird über die Genehmigung des Objektblatts entscheiden.

Hilfsangebote erneuert

Das VBS erneuerte am Donnerstag sein Versprechen, diejenigen Personen, welche ihre Häuser verlassen müssen, fair zu entschädigen. Der Hauseigentümerverein (HEV) habe den laufenden Prozess der Liegenschaftsbewertungen überprüft und für korrekt befunden. Bis Ende Jahr sind die Bewertungen abgeschlossen.

Auch werde die Hilfe für die Betroffenen ab 1. Oktober ausgeweitet. Unterstützung in Aussicht stellt das VBS beispielsweise auch bei Fragen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Der Verantwortliche sagte, bisher bestehe in Mitholz noch eine zu hohe Hemmschwelle. Die Leute nutzten die bestehenden Angebote zu wenig.

VBS prüft neue Variante für Strassenverlegung

Der bestehende Lawinenschutztunnel Mitholz der Nationalstrasse Frutigen-Kandersteg wird laut VBS zum Schutz von Automobilistinnen und Automobilisten eventuell weiter östlich verlängert als bisher angenommen.

Bisher sollte der Tunnel weiter westlich, im Talgrund, verlängert werden. Doch bestehen Befürchtungen, dass dort Grundwasser die Bauarbeiten erschweren könnten. Das sagte der Projektleiter Mitholz des VBS, Adrian Goetschi, vor den Medien. Auch würde ein Tunnel an dieser Stelle ein Landschaftsschutzgebiet beeinträchtigen.



Deshalb prüft das VBS nun eine Variante, die stärker im Hang liegt. Verlängert wird der Tunnel, damit im Fall einer Explosion während der Räumung des ehemaligen Munitionslagers der Verkehr in Richtung Kandersteg und Wallis nicht beeinträchtigt wird.

Aus demselben Grund erhält auch die Bahnlinie, welche via Lötschberg-Scheiteltunnel ins Wallis führt, ab 2026 bei Mitholz eine Galerie. Goetschi sagte, die Galerie werde massiv. Sie würde einem Elefanten widerstehen, welcher aus hundert Meter Höhe auf das Bauwerk fiele.

sr, sda