US-Wahlkampf Historische Wahl: Kamala Harris wird Joe Bidens Vize-Kandidatin

AP/dpa

11.8.2020 - 23:51

Die Spekulationen haben ein Ende: Joe Biden will mit seiner früheren Konkurrentin Kamala Harris das Weisse Haus für die Demokraten zurückerobern. Es ist eine Entscheidung mit historischer Tragweite.

Joe Biden hat Kamala Harris als seine mögliche Stellvertreterin im Falle seines Einzugs ins Weisse Haus ausgewählt und damit eine historische Entscheidung gefällt. Mit der Senatorin von Kalifornien könnte erstmals eine schwarze Frau auf den Posten der Vizepräsidentin der USA rücken. Der erste gemeinsame Auftritt der beiden soll schon am heutigen Mittwochnachmittag (Ortszeit) in Wilmington (Delaware) folgen.

Harris sei eine furchtlose Kämpferin für den kleinen Mann und eine der besten Staatsdienerinnen, twitterte Biden am Dienstag. Auf sie sei die Wahl auch gefallen, weil «sie zu führen bereit» sei. Etliche Top-Demokraten – darunter Ex-Präsident Barack Obama – begrüssten Bidens Entscheidung. Amtsinhaber Donald Trump und sein Vize Mike Pence schossen sich umgehend auf Harris ein.

Schon im März hatte Biden mit einer historischen Ankündigung viele Demokraten elektrisiert, bei denen die Aussicht auf einen Wahlkampf zwischen zwei alten weissen Männern in ihren 70ern zunächst für Frust gesorgt hat: Er werde eine Frau für die Vizekandidatur ums Weisse Haus aussuchen, gab Biden damals bekannt.

Joe Biden und Kamala Harris im September 2019.
Joe Biden und Kamala Harris im September 2019.
Bild: Keystone

Bisher hat in Amerika noch nie eine Frau das Amt der Präsidentin oder Vizepräsidentin bekleidet. Zwei Mal gab es in der US-Geschichte eine Vizekandidatin einer grossen US-Partei: 1984 war es die Demokratin Geraldine Ferraro, 2008 die Republikanerin Sarah Palin. Ihre Parteien unterlagen aber jeweils bei der Hauptwahl.

Erste schwarze Frau als «Running Mate»

Nun steht mit Kamala Devi Harris zum ersten Mal eine schwarze Frau vor der Nominierung als «Running Mate», wie in den USA der oder die Vize an der Seite des Spitzenkandidaten genannt wird. Ihr Vater stammt aus Jamaika, ihre inzwischen verstorbene Mutter aus Indien.

Der Zuschlag für Harris spiegele eine Entscheidung wider, die mit Regierungskompetenz zu tun habe und nicht in erster Linie politisch motiviert sei, betonte Biden in einer E-Mail an Anhänger. Er und Harris würden «eine gespaltene Nation, und eine Welt in Unordnung» erben, sollten sie das Weisse Haus erobern. Harris würdigte er zudem als eine Partnerin, die ihm helfen könne, seine Versprechen von nachhaltigen Veränderungen in dem Land einzulösen, das durch Trump Schaden genommen habe.

Harris selbst schrieb in einem kurzen Tweet, sie fühle sich «geehrt» durch die Berufung.

Die Vize-Frage ist für die Demokraten in diesem Jahr nicht nur aus historischer Sicht von besonderer Bedeutung. Sollte Biden im November das Weisse Haus für seine Partei zurückerobern, wäre er bei seiner Vereidigung im Januar schon 78 Jahre – und damit so alt wie kein anderer Präsident bei Amtsantritt. Er selbst hat sich als eine Figur des Übergangs bezeichnet und sich noch nicht festgelegt, ob er 2024 eine zweite Amtszeit anstreben würde. Sollte er abwinken, könnte sich die Vizepräsidentin für eine eigene Kandidatur in Stellung bringen.

Justizministerin von Kalifornien

Ihre erste Wahl entschied Harris im Jahr 2003 für sich. Damals wurde sie Bezirksstaatsanwältin von San Francisco. 2010 stieg Harris zur Justizministerin von Kalifornien auf – sie war die erste Frau und die erste schwarze Person in diesem Amt. Ihr wurde eine gutes Verhältnis zu Bidens verstorbenem Sohn Beau nachgesagt, der als Justizminister von Delaware ihr Kollege war. 2016 wurde Harris in den US-Senat gewählt, wo sie bald mit hartnäckigen und bohrenden Fragen an Trumps Wunschkandidaten für ranghohe Posten auffiel.

Die 55-Jährige ist die zweite schwarze Amerikanerin in der Geschichte, die in den US-Senat gewählt wurde. Sie gehört zu den bekanntesten schwarzen Politikerinnen des Landes. Harris wollte im November eigentlich selbst gegen Trump antreten und hatte versprochen, das Land wieder zusammenbringen zu wollen. Zu Beginn galt sie als chancenreiche Kandidatin. Ihre Kampagne entpuppte sich am Ende aber als Enttäuschung.

Anfang 2019 startete Harris ihre eigene Präsidentschaftskampagne, der Beobachter zunächst gute Chancen einräumten. Bei TV-Debatten im Vorwahlkampf der Demokraten geriet sie bisweilen mit Biden hart aneinander. Doch nachdem ihrem Wahlkampf das Geld ausging, stieg Harris noch Ende 2019 und damit wenige Monate vor Beginn der ersten Vorwahlen der Partei aus.

Als ein Grund für ihr Scheitern gilt auch Skepsis, die ihre frühere Arbeit im Justizwesen gerade unter einigen Vertretern des linken Flügels der Demokraten und jungen schwarzen Wählern auslöst. Sie finden, dass Harris in der Debatte um Rassismus im Rechtssystem und Polizeigewalt gegen Schwarze nicht auf der Höhe der Zeit sei. Seit dem Tod von George Floyd Ende Mai und darauf folgenden Protesten hat Harris sich für verstärkt für Polizeireformen stark gemacht.



Obama: «Ideale Partnerin» für Amerikas Herausforderungen

Ex-Präsident Obama zeigte sich am Dienstag voll des Lobes über Bidens Entscheidung für Harris. Sein früherer Vize habe damit «den Nagel auf den Kopf getroffen». Harris sei die «ideale Partnerin, um Biden zu helfen, die äusserst realen Herausforderungen anzugehen, mit denen Amerika gerade jetzt konfrontiert ist und in den kommenden Jahren», ergänzte Obama.

Sein Nachfolger Trump versuchte von Harris hingegen das Bild einer «radikal linken» Politikerin zu zeichnen. Sie wolle die Steuern erhöhen, Finanzmittel fürs Militär kürzen und das Fracking-Verfahren bei der Erdgas-Förderung verbieten, erklärte der Präsident. Ähnlich äusserte sich sein Vize Pence, der bei einem Auftritt in Arizona Harris als direkte Rivalin begrüsste. Er blicke schon der für Oktober im Staat Utah geplanten Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten entgegen, sagte Pence. Seine Botschaft an Harris sei: «Glückwunsch. Ich sehe Sie in Salt Lake City!».

Biden liegt in Umfragen derzeit deutlich vor Trump. Wegen des komplizierten Wahlsystems sind diese Prognosen allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Zudem kann in den USA in den verbleibenden Wochen bis zur Wahl erfahrungsgemäss viel passieren.

Die Corona-Pandemie hat den Wahlkampf komplett auf den Kopf gestellt. Negativ wirkte sich das auf Bidens Kampagne bislang nicht aus. Trotz Trumps fast täglicher Auftritte blieb Biden seit der Zuspitzung der Krise zumeist zuhause in seinem Haus im Bundesstaat Delaware, ging zuletzt aber immer öfter in die Offensive. So stellte er einen Investitionsplan und seine Absichten im Kampf gegen den Klimawandel vor.

Stars gratulieren Kamala Harris

Kurz nachdem Biden am Nachmittag Harris als seine Vize-Kandidatin verkündet hatte, meldeten sich Musiker und Schauspieler in den sozialen Medien zu Wort. US-Sängerin Pink vergiesst «wahre Freudentränen», Schauspielerin Kerry Washington ist von dem «historischen Moment» völlig überwältigt.

Die Afroamerikanerin («Django Unchained») verwies auf den historischen Moment, dass erstmals eine Schwarze und eine Frau mit indischen Wurzeln für eine der beiden grossen Parteien als Vize-Kandidatin ins Rennen zieht. Sie freue sich von ganzem Herzen für all die Kinder, die sich in Harris sehen und nun «grösser träumen» können.

«Ich freue mich für dich und bin erleichtert und froh für unser Land», gratulierte Sharon Stone der Senatorin aus Kalifornien. Er könne es kaum erwarten für das Biden-Harris-Team zu stimmen, schrieb Sänger John Legend. Nach den Wahlen im November werde die schwierige Arbeit beginnen, von Donald Trumps «Alptraum»- Präsidentschaft zu genesen.

Sängerin Cher schmückte ihren Tweet «Gratulation Madame Vize-Präsident» mit einem Partyknaller-Emoji. «Ich weine vor Freude», schrieb Schauspieler Josh Gad. «Gab es je einen aufregenderen Tag», jubelte die indisch-amerikanische Komikerin Mindy Kaling («The Mindy Project»).

Charlize Theron an Twitter-Follower: «Auf geht's»

Charlize Theron rief ihre Twitter-Follower zum Wählen auf. «Auf geht's», schrieb die Oscar-Preisträgerin. Mit Harris stehe das Team nun fest. «Jetzt liegt es an uns zu wählen.»

Zurück zur Startseite

AP/dpa