Sonntagskrimi im Check «Tatort: Krieg im Kopf»: Werden Menschen bald zu Maschinen?

tsch

29.3.2020

Ist die Schreckensvision des gläsernen Menschen bald auch ausserhalb des Internets bittere Realität? Der Göttinger «Tatort» spielte gekonnt mit den Ängsten seiner Zuschauer.

Ihr Debüt als «Tatort»-Kommissarin verlief für Florence Kasumba 2019 äusserst erfreulich. Als neue Partnerin der strafversetzten Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ermittelte die 43-Jährige als Anais Schmitz erstmals in Göttingen. Bei den Krimi-Fans sorgte der Fall einer verschwundenen Teenagerin für bemerkenswerte Resonanz. Die Quote kratzte an der Zehn-Millionen-Schallmauer, und Kasumba wurde wenig später in einer Umfrage zur «coolsten Kommissarin» gekürt. Trotz aller Lobeshymnen war die Chemie zwischen den taffen Kommissarinnen noch ausbaufähig. Ob sich die beiden in ihrem zweiten Fall «Krieg im Kopf» näherkamen? Ausserdem fragten sich die TV-Zuschauer zu Recht: Ist es wirklich möglich, mit Maschinen den menschlichen Geist zu kontrollieren?

Worum ging es?

Der «Tatort» war erst wenige Sekunden alt, schon schwebte Lindholm in Lebensgefahr. Ein offensichtlich verwirrter Mann (Matthias Lier) bedrohte die Kommissarin mit einem Messer und faselte etwas von Stimmen in seinem Kopf. Bevor es jedoch zur Eskalation der Lage kam, zückte Schmitz die Waffe und verwundete den Angreifer mit einem gezielten Schuss tödlich. Der Tote, der Soldat Benno (Matthias Lier), war seit seiner Rückkehr von einem missglückten Auslandseinsatz aus Mali ein gebrochener Mann, der trotz psychologischer Behandlung Stimmen hörte und zu Aggressionen neigte.



Nachdem auch seine Frau tot aufgefunden wird, scheint Benno als Täter festzustehen. Doch Lindholm und Schmitz stossen auf Ungereimtheiten, sowohl beim Tathergang als auch bei einem Bundeswehreinsatz, bei dem unter ungeklärten Umständen mehrere Soldaten ums Leben kamen. Die Fäden führen schliesslich bei einem Rüstungskonzern zusammen, der sich auf Hightech-Waffen spezialisiert hat.

Worum ging es wirklich?

Bevor sich der grimmepreisgekrönte Regisseur Jobst Christian Oetzmann auf den eigentlichen Fall und auf das aufwühlende Thema der Manipulation des menschlichen Geistes konzentrierte, räumte er der Beziehung zwischen Lindholm und Schmitz sehr viel Zeit ein. So richtig warm wurden die Ermittlerinnen auch im zweiten Film nicht miteinander. Teamwork war für diese einsamen Wölfinnen erneut ein Fremdbegriff, stattdessen dominierte Konkurrenzdenken die Arbeit. Dabei sind sich die Polizistinnen eigentlich sehr ähnlich. Während Lindholm nach dem Angriff zu Beginn nicht mehr schlafen konnte, wurde Schmitz von Visionen heimgesucht. Nach aussen hin waren beide jedoch penibel darauf bedacht, keine Schwäche zu zeigen.

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Wie realistisch war das Szenario?

Neben dem schwierigen Verhältnis zwischen den Kommissarinnen warf die «Tatort»-Episode die Frage auf, inwiefern Forscher bereits versuchen, das menschliche Gehirn zu kontrollieren und im Zweifel zu manipulieren. Drehbuchautor Christian Jeltsch konnte dabei auf Informationen aus erster Hand zurückgreifen. Bei der Konzeption von «Krieg im Kopf» arbeitete er mit einem Informanten aus der militärischen Forschung zusammen.

Deutlich wurde eines: Was auf den ersten Blick wie Science-Fiction anmutete, ist gar nicht so weit weg von der Realität. Denn die Technologien, die im Film vorgestellt werden, werden in dieser Form bereits grösstenteils eingesetzt, unter anderem «Voice to skull» und das «Hypersonic Sound System», wie Jeltsch erläutert: «Bei ‹Voice to skull› handelt es sich um ein Forschungsprojekt der US-Marine, bei dem über elektromagnetische Frequenzen drahtlos Informationen ins Hirn gespielt werden. ‹Hypersonic› ist von einem amerikanischen Tüftler erfunden worden, eigentlich ein fröhlicher Mensch, der sein Soundsystem dann ans Militär verkauft hat. Mit seinem System lassen sich über eine gewisse Distanz Töne gezielt in den Kopf einer Person schicken.»

Aber nicht nur im militärischen Umfeld wird Gehirnforschung betrieben. Auch Tech-Pioniere wie Mark Zuckerberg und Elon Musk tüfteln an Kommunikationssystemen, bei denen Nachrichten durch blosses Denken verschickt werden können – das sogenannte Brainhacking macht es möglich. Während sich Zuckerberg eine verbesserte Kommunikation für sein Social-Media-Imperium erhofft, hat Elon Musk das Unternehmen Neuralink aufgebaut. Dessen Ziel ist es, leistungsfähige Brain-Computer-Interfaces herzustellen.

War der «Tatort» Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheoretikern?

Eine durchaus begründete Frage, die auch Regisseur Jobst Christian Oetzmann beschäftigte. «Als ich das Drehbuch gelesen habe, war mein erster Gedanke: Das ist ziemlich gewagt. Tragt ihr nicht ein bisschen dick auf?», räumte der Filmemacher ein. Dennoch habe ihn vor allem eines dazu bewegt, den Film zu drehen: «Die Figuren, die mit der Aufklärung des Falls betreut sind, werden selber Opfer dieser Technik.» In der Tat ist «Krieg im Kopf» kein moralisierendes Lehrstück mit erhobenem Zeigefinger geworden. Stattdessen zeigte der Krimi recht nüchtern die möglichen Folgen der innovativen Technologien auf. Besonders das Ende dürfte Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln genommen haben. Daraus sprach nämlich die klare Botschaft: Selbst die Mächtigen können sich nicht alles erlauben.

Wie geht es mit Lindholm und Schmitz weiter?

Schon seit Oktober wird fleissig am neuen Fall der Göttinger Kommissarinnen gewerkelt. Der Film «National feminin» wird noch bis 24. Oktober in Göttingen und Hamburg gedreht und wird im rechten Milieu spielen. Lindholm und Schmitz geraten selbst ins Fadenkreuz, als sie den Tod von Marie Jäger (Emilia Schüle), einer angehenden Juristin und dem Aushängeschild der rechtsnationalen «jungen Bewegung», aufklären müssen. Besonders in den sozialen Medien werden das Duo und ihre Kollegen Opfer einer unkontrollierten Stimmungsmache. Wann genau der dritte Fall des Göttinger Teams zu sehen sein wird, ist noch nicht klar, wohl aber noch dieses Jahr.

Der «Tatort: Krieg im Kopf» lief am Sonntag, 29. März, um 20:05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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