«Tatort: Ich hab im Traum geweinet» Sex und Schläge: Die schwäbisch-alemannische Fastnacht?

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23.2.2020

Der neue Schwarzwald-«Tatort» aus dem Herzen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht war eine krasse Nummer: Es setzte Sex und Schläge – nicht nur, aber auch von Narren.

Sex, Schläge und Exzess: Im neuen «Tatort: Ich hab' im Traum geweinet» von Extrem-Regisseur Jan Bonny gab es kopulierende Kommissare, Saufgelage und sogar Hits der Backstreet Boys und von Britney Spears. Geht's noch schmutziger? Wer die vordergründige Gewalt des traurigen, aber auch sehr starken Schwarzwald-Falles hervorhebt, vergisst, dass es im Kern ein sehr poetischer Film über die Liebe und ihre kleine, hässliche Schwester, die Verzweiflung, war.

Worum ging es?

Romy Schindler (sehr stark: Newcomerin Darja Mahotkin) arbeitet als Krankenschwester in einer Schwarzwälder Schönheitsklinik. Einer ihrer Kollegen, der Arzt David Hans (Andrei Viorel Tacu), ist ihr Lebensgefährte, aber nicht Vater ihres etwa sieben Jahre alten Sohnes. Als der Karlsruher Richter Philipp Kiehl (Andreas Döhler) seiner Frau (Bibiana Beglau) eine Schönheits-OP in Hans' und Romys Klinik spendieren will, entdeckt er in Romy eine ehemalige Liebesdienerin aus dem Milieu wieder – und lädt sie, während seine Frau nach der OP in Bandagen gehüllt das Krankenhausbett hütet, auf sein Hotelzimmer ein.

Am nächsten Morgen ist der Mann tot. Während ihrer Ermittlungen inmitten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht sind die Kommissare Tobler (Eva Löbau) und Berg (Hans-Jochen Wagner) selbst absturzgefährdet. In der Nacht des Mordes schieben sie schwer alkoholisiert eine Nummer miteinander. Für Tobler offenbar keine grosse Sache – was wiederum Berg aus dem Konzept bringt.

Worum ging es wirklich?

Hinter den drastischen Bildern offenbart sich eine verzweifelte Suche der Protagonisten nach Zuneigung. Sozusagen ein Liebesfilm vergraben in einem Sauf- und Maskenspiel. «Masken» war auch der Arbeitstitel dieses «Tatorts», ehe die Zeile «Ich hab' im Traum geweinet», ein 1822/23 entstandenes Gedicht von Heinrich Heine (aus: «Buch der Lieder», Musik dazu gibt es von Robert Schumann), zur endgültigen Signatur wurde. Im Text des Liedes heisst es: Ich hab' im Traum geweinet / Mir träumt', du verliessest mich / Ich wachte auf, und ich weinte / Noch lange bitterlich.

Um die Angst, vom anderen nicht geliebt oder verlassen zu werden, geht es bei fast allen Figuren dieses knallharten «Romantik»-Krimis: von Kommissar Berg hin zur Krankenschwester Romy. Von ihrem Freund, dem Arzt David, hin zum ehemaligen Freier, der aus einem unerfüllten Kinderwunsch heraus Romy zu einem Geständnis prügeln will, er sei der Vater ihres Sohnes.

Was sollen die schlagenden Maskenwesen in der Fastnacht?

Die schwäbisch-alemannische Fastnacht funktioniert anders als der «fröhlichere» rheinische Karneval. Die uralten Figuren, darunter «Teufel», «Weissnarren» oder «wilde Leute», sind fixe Charaktere, denen man innerhalb eines Fastnacht-Lebens meist treu bleibt. Oft werden aufwendig hergestellte Holzmasken und Rollen sogar über Generationen vererbt. Regisseur Jan Bonny drehte die karnevalistischen Szenen inmitten der echten Fastnachtshochburg Elzach.

Das symbolische Geschlagenwerden, die «Angriffe» durch Narren, gehören zur Fastnacht dazu. «Es ist ein anarchisches Ritual, es geht um Herrschaft», sagt Jan Bonny. «Wer im Ort ist im Narrenrat, wer steckt unter den Kostümen? Die Maskierung ist da auch ein Herrschaftsmittel, du weisst nicht, von wem du geschlagen wirst.» Masken sind also keine lustige Verkleidung, sondern ein Stilmittel der Enthemmung hin zum Exzess. Sie sorgen für mehr Party, leichtere «Anmache» und auch Rache an jenen, die man auf dem Kieker hat.

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Wie sahen die Kommissare ihre Sex-Szene?

Die eben noch liierte Kommissarin mit unerfülltem Kinderwunsch, Franziska Tobler (Eva Löbau), und ihr Kollege Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) gemeinsam im Bett – das hätte man nicht unbedingt erwartet. Doch anders als bei üblichen Krimi-Romanzen zwischen den Ermittlern, ging es in «Ich hab' im Traum geweinet» nicht um ein ästhetisches Hocherlebnis, sondern um ungelenkes Kopulieren im volltrunkenen Zustand. Selten hat man eine so realistisch inszenierte Szene über beiläufigen, betrunkenen Sex im Fernsehen gesehen.

Es mag nicht nach dem Geschmack eines jeden Zuschauers gewesen sein, war aber grossartig gespielt und sensibel inszeniert. Als das Fastnachts-Ex-Paar am Morgen aufwacht und Berg eine zärtliche Streichelgeste versucht, entzieht sich Tobler mit angewidertem Blick. «Was'n los?», fragt Berg. «Nix», antwortet Tobler, «... war irgendwie unbequem». Grosses, bitter schmeckendes Ermittler-Sex-Kino!

Wer war die grandiose Hauptdarstellerin?

Auch wenn man den Schwarzwald-Kommissaren in diesem «Tatort» so nahe kam wie bisher noch nie, mindestens ebenso beeindruckend war der Auftritt von Darja Mahotkin als Krankenschwester und Ex-Prostituierte Romy. Die 28-jährige Berlinerin hat russische Wurzeln, spielt viel Theater und dürfte sich mit dieser Rolle für weitere grosse Aufgaben in Film und Fernsehen empfohlen haben. Von 2013 bis 2017 besuchte sie die «Hochschule für Musik, Theater und Medien» in Hannover.

Zuletzt spielte sie 2019 am «Deutschen Theater Göttingen» (Stück: «Wassa Schelesnowa») und auf «Kampnagel» in Hamburg (Stück: «Till Eulenspiegel»). In Christian Alvarts Netflix-Serie «Dogs of Berlin» war sie ebenfalls zu sehen. Nichtsdestotrotz darf man Darja Mahotkin getrost als unbeschriebenes Blatt bezeichnen – was sich nach diesem «Tatort» ändern dürfte.

Der «Tatort: Ich hab' im Traum geweinet» lief am Sonntag, 23. Februar, um 20:05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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